Junges Schauspielhaus Zürich



Geschlechterspiel: eine Frage der Zeit.

Sofie Gollob / 03. April 2012

Hölzerne Linien fügen sich zu einem Quadrat zusammen. Sie deuten es lediglich an, das Quadrat, zeichnen seine Konturen und belassen es dennoch durchlässig. Zierlich, zugleich gewaltig bilden sie das Zentrum des Spiels: Faust.
Zwei Spieler – neu erschaffen an diesem Abend, im Spiel der Geschichte – stehen am Rand der Bühne und schauen sich durch das Quadrat an. Jetzt haben sie ein solches Werk auf der Bühne zu bespielen, die Bühne zu betreten. Bald verschmelzen ihre spielerischen Zweifel mit der Figur und geben ihrem Spiel einen performativen Charakter. Die Zweifel Fausts sind jene der Spieler, das Spiel hat sich verändert.
In ihrer Unsicherheit unterwerfen sie sich der Sprache Goethes, doch finden sie dort nur bedingt Ruhe. Zusammen mit Faust, dessen zwei Seelen sich zwischen den Spielern hin und her bewegen, begegnen sie Mephisto, feiern ein überschwängliches Fest und stehen am Rand des Theaterstücks in Betrachtung ihrer selbst. In schlichte dunkle Anzüge gekleidet, ist die eine Seele mit weisser, die andere mit schwarzer Fliege ausgestatten. Noch hält Faust an seiner Mannheit fest, sie hat sich um den Hals, die Hälse gebunden, doch brechen Bilder in seine Welt des 18. Jahrhunderts, die ihn und seine strebenden Seelen für Sekunden zum Schweigen bringen. Schliesslich wird die Bühne, dieser schmale Grat zwischen Präsenz und Abwesenheit, den Spielern zu eng. Das Spiel droht in bekannten Worten unterzugehen, künstliche Neuerungen verblassen dessen schöne Unsicherheit. Eine Frau muss her und mit einer Axt wird der Boden der Bühne – die Grenze des alten zum neuen Theaterstück, die der Männer zu den Frauen – aufgespalten.
Irgendwann steht ein Mädchen auf der Bühne. In einem weissen Kleidchen singt sie ein Lied ins Mikrofon und blickt verloren ins Publikum. GretIn. Aus der Tiefe der Bühne ist sie – wie aus Zufall – in die Welt des Theaters geraten und soll nun wissen, wie sie sich als Frau und als Spielerin in diesem Spiel zu verhalten hat. Mit fremden Menschen, in braunen Mänteln, stieg sie treppauf in eine Männerwelt, als hätten sie eben zusammen Schiffbruch erlitten. Drei Frauen bleiben auf der Bühne zurück, in zu grossen Schuhen, denn sie tragen ihre Verantwortung an den Füssen. Doch vergeblich wird mit unsichtbaren Gegnern gekämpft: GretIn verfällt – im Tanz zwischen Zwang und Geborgenheit – als Spielerin ihrer Rolle, als Frau ihrem Schicksal. Trotz des Wissens um die Schuld der Väter, trotz ihren Fragen, die nicht bittend, sondern fordernd gegen Fausts Seelenwände prallen. Rolle und Schicksal sind alt, wiegen vielleicht zu schwer. Zum Schluss bleibt ihr lediglich, sich selbst zu verdammen, ihren stolzen Tod mit roter Farbe zu malen. Und sie weiss nicht, dass sie dieses ganze Spiel gerettet hat, da sie verlieren musste, verlieren wird, immer wieder.

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