Junges Schauspielhaus Zürich



Wie teuer ist Form?

Antonia Steger / 11. Mai 2012

In den „Leiden des jungen Werther“ (Regie: Daniel Kuschewski) wird eine formale Entscheidung mit jeder Vorstellung um 90 Franken teurer: Lotte, Werther und Albert sitzen bei Einlass unerkannt im Publikum, stehen erst nach Beginn auf und ihre Sitze bleiben leer. Das hat die Produktion bisher 3240 Franken gekostet.
Für dasselbe Geld hätte ein romantischer Werther seine Lotte mit 810 künstlichen Sonnenblumen oder 8700 Schokoladenherzchen beregnen können. Oh, oder hätte er ihr doch pro Vorstellung ein Festessen mit 2.5 Dosen silbrigem Esslack besprüht, passend zu seinen Schuhen! Für einen perfiden Werther wäre ein 3D-Flachbildschirm „Panasonic TX-P65VT30“ als Geschenk an Albert drin gelegen, dann wäre der die nächsten Jahre beschäftigt gewesen und Lotte frei zur Eroberung. Aber Werther hat’s nicht gemacht, sonst wäre er nicht Werther.
Ein verzweifelter Werther hätte auch genug Geld gehabt für 30 Therapiesitzungen gegen Liebeskummer oder 8 Wellness-Wochenenden mit einem guten Freund. Als Alternative, wenn das einem altruistischen Werther schon geholfen hätte, könnte er eine lebenslange Mitgliedschaft bei UNICEF oder eine symbolische Adoption von 40.5 Delfinen einlösen.
Bloss, vielleicht war Werther gar nicht so dumm, seine Lotte ziehen zu lassen. Für einen Zürcher Werther hätte es für knapp 1.5 Monate Miete gereicht, mit Lotte und Kindern vielleicht für einen halben. Und was ist ein Vater, der seiner Familie nichts bieten kann? Vielleicht hat ihn bei diesem Gedanken die grauenvolle Verzweiflung überkommen.

Partner des Schauspielhauses Zürich

Magazin/Blog RSS

Expand/Collapse